Wie wirken Medien?

Aus aktuellen Anlass: Medienwirkungsforschung – einfach erklärt

 

 

Bastian Pelka

 

Angst vor Medienwirkungen hat es immer gegeben

 

Der Zusammenhang von Medien und Gewalt beschäftigte bereits den griechischen Philosophen Plato vor rund 2400 Jahren. Platon war der Ansicht, die Imagination von Gewalt im Theater leite die Rezipienten zu tatsächlicher Gewalt an. Er empfahl den Bürgern, ihre Kinder vor den Werken des blinden Dichters Homer (Bestseller: „Illias“, „Odyssee“) zu schützen, in denen unter anderem Zyklopen geblendet und Seefahrer von Meeresungeheuern gefressen wurden. Homers Held Odysseus massakriert zum Beispiel rund 20 Freier, die um seine Frau warben. Platons These, dass rezipierte Gewalt auch tatsächliche Gewalt erzeugen kann, wird heute „Suggestionsthese“ (Anleitung) genannt, weil dem Rezipienten eine Anleitung zur Gewalt gegeben wird. Eine genau gegenteilige These stellte Platons Schüler Aristoteles auf: Der Begründer der modernen Naturwissenschaft vertrat die so genannte „Katharsisthese“. „Katharsis“ heißt Reinigung und Aristoteles meinte damit, dass die Rezipienten im Theater ihre Gewaltpotenziale abreagieren können und sich so selber ohne tatsächliche Gewalt von ihrer Gewaltlust „reinigen“ könnten.

 

Good old Siegmund Freud ging sogar so weit, den Menschen als gewalttätiges Tier einzustufen, dass permanent eine Gewaltpotenzial in sich trage, welches es abzureagieren gelte. Freuds klassische Unterteilung in Todestrieb „Thanatos“ und Lebenstrieb „Eros“ ist zwar hochgradig unterkomplex, wird heute aber in Laienkreisen immer noch gern zitiert.

 

Zwei widersprechende Thesen – beide richtig, beide falsch

 

Damit haben wir zwei widersprechende Thesen, die jeder – je nach politischem Standpunkt - anführen kann:

A) Medien leiten zur Gewalt an.

B) Medien dienen als Ventil, durch das aufgestaute Gewalt unschädlich abgelassen werden kann.

 

Jetzt wird es typisch Sozialwissenschaftlich: Beide Theorien stimmen und stimmen gleichzeitig nicht. Sie sind beide hochgradig unterkomplex (siehe oben ;-). Man kann eben keine Theorie über die direkte, immer geltende und immer gleiche Wirkung von Medien aufstellen. Ich muss sagen: Das ist gut so! Stellt euch vor, jemand könnte die Wirkungen von Medieneinflüssen genau berechnen. Wir wären alle seinen Werbespots hilflos ausgeliefert und müssten uns genau so verhalten wie er es wünscht. Wir Menschen und erst recht die Gesellschaft sind aber zum Glück viel zu komplex und vielfältig, um eine direkte Medienwirkung zuzulassen. Bei jedem wirken Medien anders, in vielen Fällen nur so minimal, dass wir den Einfluss gar nicht messen können.

 

Die „Wahrheit“

 

Die moderne Medienwirkungsforschung wurde 1944 „erfunden“ und zwar, um zu messen, wie Wahlkampfbotschaften das Wahlverhalten der Bürger beeinflussen. Weitere Themen der oft millionenschweren Forschungsprojekte sind die Wirkung von Werbung - ganz wichtig für die Konzerne, die Millionen in TV-Spots stecken - und eben die Erforschung des Zusammenhangs von medialer und tatsächlicher Gewalt. Die Kommunikationswissenschaft ist in hunderten von Studien zu dem Schluss gekommen, dass es keine pauschalen Medienwirkungen gibt. Manche Menschen sehen jeden Tag Gewalt und sind lammfromm. Ein Schüler dreht durch, schießt um sich und man findet bei ihm zu hause Spiele, die Millionen andere spielen, ohne krank zu werden.

 

Eine Kernthese der modernen MWF besagt, dass jede Medienwirkung von der Einstellung und der Absicht des Rezipienten abhängt. Jeder Rezipient sucht sich die Medianaussagen heraus, die ihm gefallen und seine persönliche Meinung bestärken. Bereits 1970 hat Leon Festinger die These der kognitiven Dissonanz (etwa: Widerspruch zum eigenen Denken) aufgestellt, die besagt, dass jeder Mensch danach strebt, sein eigenes Weltbild immer wieder bestätigt zu bekommen; dass er also nur die Medienaussagen wahrnimmt, die er wahrnehmen will. Alles andere ist Luft.

 

Wenn man von einer sicheren Wirkung medialer Gewalt sprechen kann, dann von dieser: Der Inhibitions- oder Kultivationshypothesen. Sie besagt, dass die Vorstellung der Bürger von ihrer Gesellschaft stark durch die Medien bestimmt wird. Sehen sie jeden Tag, wie gut es den Menschen andererseits der Mauer geht, glauben sie, der Westen sei das Paradies auf Erden. Sehen sie jeden Tag Gewalt im Fernsehen, so glauben sie, ihre Gesellschaft verrohe zusehends. Dieser Effekt ist sehr stark und nicht mit Fakten tot zu kriegen. In Zeiten, in denen die bundesdeutsche Kriminalstatistik immer weniger Verbrechen aufwies, fürchteten die Bürger immer mehr um ihre Sicherheit, weil sie sich in ihrer Gesellschaft nicht wohl fühlten. Hier klafften also tatsächliche Gewalt und empfundene Gewalt himmelweit auseinander.

 

Fazit

 

Eine direkte Medienwirkung a la „Computerspiele verrohen die Jugend“ ist nicht nur unterkomplex, sondern schlicht falsch. Diese These hieße ja im Umkehrschluss, das wir Menschen willenlos sind und ganz einfach fremd gesteuert funktionieren. Wie beschrieben, kann mediale Gewalt auch zum Abreagieren dienen.

 

Worauf es ankommt, ist die Mentalität des Rezipienten: Ist er ein selbstsicherer, „sozialer“, gefestigter und selbstkritischer Mensch, wird er die mediale Wirklichkeit nicht mit der Realität verwechseln und vielleicht Entspannung und neue Freunde im gemeinsamen Hobby finden. Ist er aber ein armer kleiner Wurm, der keine Bestätigung, keine Anerkennung und kein positives Lebensbild erfährt, wird er durch Medien sozialisiert. Eltern, die ihre Kindererziehung dem Fernsehen und der Playstation überlassen, müssen damit rechnen, dass ihre Kinder eben nicht ihre Eltern, sondern Laura Croft und Duke Nukem als Vorbild wählen. Meine Empfehlung an aktionswilligen Politiker ist also, den Eltern beizubringen, ihre Kinder wieder besser zu kontrollieren und ihnen adäquate Vorbilder zu geben. Leider haben viele Eltern nur wenig Ahnung von Computern. Ganz klar: Das Stichwort heißt Medienkompetenz. Es wird auch in anderen Kontexten immer wieder aufgegriffen. Nur medienkompetente Eltern können ihren Kinder so sozialisieren, dass sie das Medienangebot beherrschen und nicht die Medien sie kontrollieren.