Künstliche
Kommunikation?
Die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) auf Medien,
Kommunikatoren und Kommunikation
KI-Definition
Diskussionen um die
Leistungsfähigkeit von KI hafteten bisher an der Frage nach dem inneren Aufbau
der Software. Der philosophisch dominierte Diskurs beschäftigt sich seit dem
Anstoß Turings - und damit seit 50 Jahren! - mit dem Problem der
Algorithmisierbarkeit menschlichen Verhaltens (vgl. etwa Turing 1950, Searle
1990, Wiener 1990, Penrose 1991, Winkler 2000, für eine kurze Wiedergabe des
Diskurses vgl. Wiener 1990: 93ff.). Diese Diskussion führt in Fachgebiete der
Physik, Neurobiologie und Philosophie, ist vielleicht inhaltsleer (vgl. Wiener
1990: 93) und wird wahrscheinlich nie eindeutig entschieden werden. Sie soll
daher hier in Hinblick auf die Erarbeitung praxisrelevanter Prognosen
weitgehend ausgeklammert bleiben. Wichtiger erscheint hingegen die Frage nach
den konkreten Auswirkungen eines praktischen Einsatzes von KI. Um diese beiden
Ebenen definitorisch zu trennen, sollen hier die Begriffe „Genotyp“ und „Phänotyp“
der Genetik eingeführt werden: Der Genotyp bezeichnet alle im Erbgut eines
Individuums vorhandenen Anlagen, der Phänotyp die tatsächlich zur Ausprägung
gelangten Merkmale. In der Übertragung auf die KI wird der Begriff Genotyp hier
für die Ebene der Softwarekonzeption und der damit verbundenen Frage nach der
Algorithmisierbarkeit des menschlichen Bewusstseins verwendet; der Begriff
Phänotyp hingegen für die erfahrbaren Äußerungen der KI, mit denen der Anwender
in Kontakt tritt. Die Ebene des Genotyps wird nicht beleuchtet werden. Gemäß
den Anforderung des englischen Mathematikers Alan Turing (1950: 60ff.) wird der
Frage nachgegangen werden, ob KI von außen betrachtet ähnliche kommunikative
Ergebnisse produzieren kann wie menschliche Kommunikatoren. Oder, mit den
Worten Wieners: „Kann ein digitaler Computer so programmiert werden, daß ein
mit ihm in Kontakt tretender Mensch, der nicht weiß, daß er sich mit einem
Computer unterhält, zu der Auffassung kommen muß, sein Gesprächspartner denke?“
(1990: 93) Turing verwendet diese Problemstellung als Substitut seiner
Ausgangsfrage „Können Maschinen denken?“.
(...)
Der bewusste Rückzug aus
philosophischen Domänen eröffnet dieser Arbeit auf methodischer Seite den Weg
zu konkreten Prognosen und erhöht damit die Anwendungsrelevanz der Studie. Die
Beschränkung auf eine Diskussion der beobachtbaren Merkmale ist eine wichtige
Voraussetzung für eine effektive Thesengenerierung durch die Delphi-Studie.
Ausgeklammert bleibt damit weitgehend jedoch die Frage nach einem möglichen
Bewusstsein von KI. Der Autor ist sich der forschungslogischen Folgen dieser
Beschränkung bewusst – er gibt mit dem Auslassen einer Diskussion des Genotyps
des Untersuchungsgegenstandes gleichzeitig jeden Anspruch auf
Allgemeingültigkeit der Prognosen jenseits des unterstellten Szenarios auf –
sieht jedoch keine andere Möglichkeit, den in der Studie befragten Experten
eine gemeinsame Diskussionsplattform zur Verfügung zu stellen. Eine Studie, die
sich mit dem Wesen von KI auseinandersetzt, würde automatisch eher diskursiven
und weniger prognostischen Charakter annehmen. Dies ist jedoch nicht mit dem normativen
Forschungsziel dieser Arbeit vereinbar.
(...)
Turings Gedanke lässt sich zu einer Definition von KI
modifizieren, die dem hier verfolgten Anspruch genügt: Unter Künstlicher Intelligenz soll hier die
Fähigkeit einer Maschine verstanden werden, mit einem Menschen in stetige
Interaktion zu treten, sich auf dessen Verhalten durch Lernen einzustellen und
Informationen der Wissensbasis – wenn auch nur für eingegrenzte Themengebiete -
anfragegenau zu vermitteln, ohne dass dieser sie von einem menschlichen Partner
unterscheiden kann. Diese Definition ist damit ein Plädoyer für den Ansatz
Turings.
(...)